Das Afrikanische Kino

Das afrikanische Kino
Als ich mich umschaute, sah ich hinter mir nichts als eine Wolke aus rötlich gelbem Sand, die der Landrover wie einen Kometenschweif hinter sich herzog. Rechts und links dehnte sich eine zeitlos dahindämmernde Wüstenlandschaft. Hinter mir auf dem Rücksitz sass Maren. Rau, der Fahrer, hatte sichtlich Mühe, den immer wieder unvermutet auftauchenden Schlaglöchern auszuweichen. In der unerträglichen Hitze dämmerten wir vor uns hin.
Können wir nicht mal anhalten, mir ist schon ganz schlecht, hörte ich Maren stöhnen.
Nein, das ist nicht gut, Ma’m, sagte der Fahrer, wir dürfen hier nicht stehen bleiben, zu gefährlich. Hier treiben sich immer noch Anhänger von Mowato herum.
Der die Stadt in den Urwald gebaut hat? fragte Maren.
Yes, Ma’m, sagte er, und den man danach in die Wüste geschickt hat. Er lachte.
In diese hier? fragte ich und lachte auch.
Ich betrachtete das dunkle Gesicht des Mannes neben mir, der in stoischer Ruhe hinter dem Lenkrad sass. Er wirkte nicht unsympathisch. Wir hatten uns vor Tagen in der Hauptstadt kennengelernt. Sein Vater sei Askari bei den Deutschen gewesen, als das Land noch Kolonie war, hatte er nicht ohne Stolz erzählt. Von ihm habe er die Skimütze geerbt, die er jetzt wie eine zum Gruss erhobene Hand auf dem Hinterkopf trug.
Rau – er sprach seinen Namen Ra-u aus – war Taxifahrer. Während einer nächtlichen Heimfahrt waren wir ins Gespräch gekommen. Die Geschichte, die er uns erzählte, hatte uns sofort neugierig gemacht.
Eine Stadt mitten im Urwald?
Die Landschaft wandelte allmählich ihr Gesicht. Die Wüste ging in offene Savanne über. Schon bald verdichteten sich die einzelnen Baumgruppen zu einem grossflächigen Waldgebiet. Am späten Nachmittag durchfuhren wir wildwuchernde Urwaldvegetation. Die trockenheisse Luft war längst von schwül warmer Luft verdrängt. Schweiss perlte in kleinen Rinnsalen den Körper hinab.
Wie weit ist es noch, fragte Maren, die sich auf den hinteren Sitzen ausgestreckt hatte. Ihre Füsse baumelten seitlich aus dem Fenster.
Er könne uns hinfahren, hatte Rau gesagt, er habe einen Geländewagen. Über den Preis wurden wir uns rasch einig. Schon mehrmals war uns das Gerücht von einer geheimnisvollen Stadt zu Ohren gekommen, die ein afrikanischer Potentat weitab jeglicher Zivilisation in den Urwald gebaut haben soll. Und dann erzählt uns dieser dunkelhäutige Bursche, er wisse, wo sie zu finden sei.

Kilometer um Kilometer arbeitete sich der Landrover durch die aufgeweichte Pistenspur, schaukelte wie ein Dromedar im Laufschritt. Die braungelben Wasserpfützen, die er mühelos durchquerte, weiteten sich zu kleinen Seen. Rau schien zu ahnen, wo man Untiefen ausweichen musste. A little bit to the right … a little bit to the left …, gab er sich selber Anweisungen, die ihm auf rätselhafte Weise den Weg zu weisen schienen.
Mowato habe als junger Mann in Deutschland studiert, erzählte er. Als er danach in sein Heimatland zurückgekehrt sei, sei er voller Ideen gewesen. Man hatte Ölvorkommen entdeckt. Plötzlich strömte Geld in das Land. Als Mowatos Vater starb, wurde er Regierungschef. Er wollte etwas für sein Volk tun. Er liess Strassen und Häuser bauen, auch eine Eisenbahnlinie sollte entstehen. Doch dann habe er diesen verrückten Traum aus seiner Studienzeit verwirklichen wollen: Eine richtige Stadt nach deutschem Vorbild mitten im tiefen Afrika, mit Fachwerkhäusern, engen winkeligen Gassen, einer Kirche, Wirtshäusern und einem echten Bahnhof.
Wenn diese ominöse Stadt nicht bald zu sehen ist, will ich sie nicht mehr sehen …, Marens Worte sollten heiter klingen. Mit einem Zipfel ihres Hemdes wischte sie sich den Schweiss aus den Augen.
Plötzlich bog Rau im spitzen Winkel nach rechts in eine rutschige Sandpiste, die sich in noch schlechterem Zustand befand.
Leichtes Unbehagen beschlich mich. Wer weiss, wo der Bursche uns noch hinfährt. Waren wir nicht doch zu leichtgläubig gewesen? fragte ich, ohne die Worte auszusprechen.

Zu spät hatte das kleine Land die Janusköpfigkeit des Geldes erkannt. Zu spät die Erkenntnis, dass es dem Einzelnen zwar besser geht, wenn er mehr Geld besitzt. Wenn dasselbe dem Staat passiert, die Regierung auf einmal mehr Geld zur Verfügung hat – und dieses ausgibt – heizt sie nur den Preisauftrieb an. Das Geld, das über die sprudelnden Ölquellen ins Land kam, entwertete sich. Schon bald galoppierte die Inflation, die kurzfristig aufgeblühte Wirtschaft brach zusammen. Mowato wurde gestürzt, er floh ins Ausland. Nach seiner Flucht starb auch das ehrgeizige Programm seiner Stadt im Urwald. Was so hoffnungsvoll begonnen hatte, zerfiel vergessen im Urwald.

Mit einem Ruck kam das Fahrzeug auf einer flachen Anhöhe zum Stehen. Was wir dann sahen, traf uns wie ein Schlag. Vor uns breitete sich ein Meer aus grün überwucherten Ruinen, zusammengefallenen Mauern, Gebäuderesten, unfertigen Strassen und aufgerissenen Baugruben aus. Mitten darin ein palastähnliches, nahezu unversehrtes Gebäude, das wie eine steinerne Insel die Welt aus halb Begonnenem und halb Zerfallenem überragte.
Elektrisiert sprang ich aus dem Wagen. Wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe …! Ohne mich um Maren und Rau zu kümmern, rannte ich los.
Vorsicht, da sind Geister, rief Rau hinter mir her, seien Sie vorsichtig, bitte!
Warte doch, ich komme mit, hörte ich Marens Stimme, während sie mir halb gehend, halb laufend durch das Labyrinth von Gassen, Durchgängen und verwinkelten Pfaden zu folgen versuchte. Wie in Trance steuerte ich geradewegs auf den Palast zu.
Warum rennst du denn so? hörte ich noch einmal Maren rufen. Das letzte, was ich von ihr sah, war ihr entsetzter Blick, als ich auf das Eingangsportal zustürmte, es aufriss und dahinter verschwand. Fast geräuschlos, wie es sich geöffnet hatte, fiel das schwere Tor hinter mir ins Schloss.
Einige lange Augenblicke stand ich völlig im Dunkeln. Mit beiden Händen versuchte ich den Türgriff zu ertasten. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, es gibt keinen Türgriff, das Tor lässt sich nicht von innen öffnen. In meiner Erregung achtete ich nicht weiter darauf. Es wird schon einen anderen Ausgang geben, dachte ich und versuchte, mich zu orientieren. Allmählich gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit.
Ich sah die Umrisse eines Flures, Glaskästen mit grossformatigen Fotos an den Wänden, darunter einige Stühle. Vorsichtig bewegte ich mich an der Wand entlang auf eine doppelflügelige Tür zu. Sie war nur angelehnt. Als ich sie aufstiess, konnte ich einen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Wie eine geöffnete Muschel lag ein arenaähnlicher Saal vor mir, dessen mit roten Vorhängen bedeckte Wände auf eine grossflächige Leinwand zuliefen. Mit gleichfalls rotem Stoff bespannte Stühle füllten den nach hinten ansteigenden Raum.
Das sieht ja aus wie ein Kino! rief ich fasziniert aus. Ist ja nicht zu fassen, mitten im Urwald ein Kino!
Eine Treppe führte nach oben. Ich betrat ein schmales Zimmer, in dem zwei quadratische Mauerdurchbrüche den Blick auf den Zuschauerraum freigaben. Davor stand ein Filmvorführgerät, das sein Lichtrohr wie eine Kanone auf die Stuhlreihen richtete. An den Wänden standen mehrere Regale mit leeren Filmkassetten, die halb aufgeklappt herumlagen. In der Ecke ein Feldbett, darauf eine zerschlissene Matratze. Ich durchstöberte weitere Räume, deren Funktion mir unklar blieb. Ich stieg die Treppe hinab, versuchte noch einmal das Portal zu öffnen. Vergebens. In meine Faszination mischte sich Beunruhigung. Wo bleibt nur Maren?
Ich rief Marens Namen, noch einmal und wieder und wieder. Ich schrie ihn in den Gang, gegen das Portal. Wie zum Hohn klang das Echo aus der Dunkelheit zurück: Ma … Ma … Ma … Warum hört sie mich nicht? Warum öffnet sie das Tor nicht von aussen und kommt einfach herein?
Systematisch tastete ich mich jetzt an den Wänden entlang, durchsuchte jeden Winkel der weiträumigen Flure nach einem anderen Ausgang. Merkwürdig, es gab auch keine Fenster, nur weit oben, unzugänglich unter der Decke, schmale Schlitze, die einen schwachen Schimmer Tageslicht hereinliessen.
Ich rannte wieder die Treppe hinauf, hastete noch einmal durch alle Räume, klopfte die Bodenplatten ab und suchte mit den Augen die Decke nach eventuell übersehenen Öffnungen ab.
Immer wieder rief ich Marens Namen. Sie musste mich doch hören! Ein heftiger werdendes Gefühl der Beklemmung stieg in mir auf. Ich raste wieder hinunter, hämmerte mit den Fäusten gegen das Eisentor. Den Tränen nahe setzte ich mich auf den Boden. Warum öffnete sie nicht von aussen? Sie hat doch gesehen, wie ich …
Ein lauerndes Raubtier schob sich in mein Bewusstsein, das meine Gedanken gefrieren liess. Gehörte das vielleicht alles zu einem raffinierten Plan, waren wir in eine Falle geraten? Wer war dieser Ra-u wirklich? Vielleicht hatte er den Türgriff abmontiert? Hatte er es auf Maren abgesehen…?
Diesen Gedanken wagte ich nicht zu Ende zu denken. Ich werde dich umbringen, schrie ich, ihr seid alles Halunken … unken…unken…unken… tönte es von den Wänden zurück. Ich muss hier raus, schrie ich … rau … rau … rau … hallte es zurück. Maren, wo bist du … du … du … du … Ich hielt mir die Ohren zu.
Noch einmal suchte ich Meter um Meter Flure, Wände, Boden ab, sprang wieder die Treppe hinauf in den Vorführraum, als ob von dort oben Rettung zu erwarten wäre. Erschöpft sank ich auf dem Feldbett zusammen.
Ich weiss nicht, wie lange ich gelegen hatte. Jegliches Zeitgefühl war mir abhanden gekommen. Irgendwann wurde mir klar, ich muss an das Unabänderliche, ich muss an das Schlimmste denken.
Ich setzte mich hin, riss ein Blatt aus meinem Notizbuch, das ich immer bei mir trage, und schrieb: Liebste Maren, ich muss das Schlimmste befürchten …, ich muss mein Schicksal …
Wieso mein Schicksal, zögerte ich, vorhin hatte ich noch ihres beklagt, nein, das geht nicht … Aufgewühlt zerdrückte ich das Papier.
Ich riss ein zweites Blatt aus dem Notizblock, starrte lange auf die roten dünnen Linien, die das Papier in gleiche Abschnitte aufteilten. Was könnte ich ihr denn sagen, angesichts der Tatsache, dass ich hier nie mehr heraus … wir beide nicht mehr lebend …
Ich liebe dich.
Nein, das habe ich ihr bereits zu oft gesagt. Das war ja schon Teil des Problems. Ich liebte sie in einer Weise, wie sie mich nicht lieben konnte. Wozu die Beteuerung?
Dann schrieb ich, war mir nicht sicher, ob ich es so stehen lassen kann: Liebste Maren. Wenn ich hier nicht mehr lebend herauskomme, fühle dich frei, damit du wieder lieben kannst … möchte dir noch so viel sagen …
Ich hielt inne.
Ein unwiderstehliches Bedürfnis nach Ruhe überkam mich. Ich legte mich auf die Matratze, in wenigen Sekunden war ich eingeschlafen.
Plötzlich hörte ich Geräusche im Flur, Stimmengewirr und das Trappeln vieler Füsse. Ich sprang auf, lief in den Flur, in der Hoffnung, dass endlich …
Und dann wurde ich mit etwas konfrontiert, das ich hier am allerwenigsten vermutet hätte: Kinobesucher!
Wusste ich doch, dass alles halb so schlimm ist, dachte ich erleichtert.
In Scharen strömten sie in den jetzt hell erleuchteten Saal, die meisten in Khakianzügen, einige in Military-Shorts.
Ich eilte in den Vorführraum zurück. Ein junger Schwarzer stand am Vorführgerät und lachte mich an. Es geht gleich los, Herr, sagte er und legte mit geschickten Fingern den Filmstreifen ein.
Ich schaute durch die Wandöffnung auf die Menschen unter mir. Der Saal hatte sich fast gefüllt. Mit leisem Summen setzte das Gerät ein.
Dann ging das Licht aus, auf der Leinwand erschienen die ersten Bilder. Erwartungsvolle Stille trat ein, Musik, ein Fanfarenstoss.
‘Meine sehr verehrten Damen und Herren’, hörte ich eine markante Stimme, ‘Hier spricht die UNCTAD, the United Nation Conference on Trade and Development.’
Ich traute meinen Ohren nicht. Eine Filmvorführung der Vereinten Nationen, unglaublich!
Ich sah den jungen Vorführer fragend an.
Vor ein paar Tagen waren ein paar Herren von der UNO hier, sagte er. Mit diesem Film wollen sie zeigen, wie wir mit euch Geschäfte machen können. Er lachte leise. Seine Augen wiesen in den Zuschauerraum. Aber es sind nur weisse Herren gekommen.
‘Mit diesem Film soll gezeigt werden’, fuhr die Stimme fort, ‘wie Afrika mit Amerika und Europa Handel treiben kann, und zwar so, dass es zu beiderseitigem Vorteil ist. Ziel der UNCTAD ist es, für die Entwicklungsländer langfristige Ziel-Mittel-Kombinationen zu formulieren, die ihnen eine beschleunigte und stetige wirtschaftliche Entwicklung ermöglichen. Dazu gehört vor allem, die Handelsbeziehungen zu den industrialisierten Ländern auf eine neue Grundlage zu stellen.’ Musik, Fanfarenstösse.
Verblüfft schaute ich wieder in den Vorführraum, ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Obwohl die Anrede an Afrikaner gerichtet war, im Saal sassen tatsächlich nur weisse Zuschauer. Das schien die Stimme im Off aber nicht zu stören.
‘Was wir brauchen, sind neue Marktstrategien. In einer Zeit gesättigter oder schrumpfender Märkte nimmt der Kampf um Marktbeherrschung immer schärfere Formen an. Das Ringen um Absatzvorteile führt zu gnadenlosen Konkurrenzkämpfen, in denen nur Unternehmen mit kampferprobten Geschäftsstrategien bestehen können.’ Die Stimme sagte wirklich gnadenlos, kampferprobt und anderes Militärische. Grundsätzlich habe das Erringen wirtschaftlicher Vormachtstellung im Fokus des Handels zu stehen. Das aber setze die Bereitschaft zum bedingungslosen Einsatz aller Kräfte voraus. Auch auf den Märkten ginge es nun mal um nichts anderes als um Sieg oder Niederlage. Das sei hier nicht anders als im wirklichen Krieg! Das waren alles Dinge, die mir in den Ohren klangen, fast wörtlich zitiert aus Strategiebüchern des Marketings, die mir wohlvertraut waren.
Aus dem Zuschauerraum, der sich mittlerweile bis auf den letzten Platz gefüllt hatte, drang Unruhe zu mir herauf. Immer mehr Zuschauer strömten herein. Selbst in den Fluren drängten sich die Menschen.
‘Der Film will Ihnen zeigen, wieviel Übereinstimmung zwischen den Prinzipien der Marktwirtschaft und den Grundsätzen militärischer Kriegführung bestehen. Im Grunde ist es einfach: Um zu überleben, muss man kämpfen, ob auf dem Schlachtfeld oder auf den Märkten. Stets geht es darum, sich die bessere Ausgangsposition vor den Mitkonkurrenten zu verschaffen. Jeder Konkurrent versucht, den gegebenen Zustand so zu verändern, dass für ihn, den Angreifer, eine neue, vorteilhaftere Situation entsteht. Selbst ein Schaden, den ich meinem Konkurrenten zufüge, kann sich vorteilhaft auf meine Position auswirken.’ Umgekehrt gelte natürlich auch, fügte die Stimme bedeutungsschwer hinzu: Wer sich schneller bewege, gebe ein schlechteres Ziel für seine Konkurrenten ab. Das sollte man nie aus den Augen verlieren.
Längere Musikeinlage, Fanfarenstösse.
Auf der Leinwand erschienen im Wechsel Bilder von vorpreschenden Panzern und von elektronisch gesteuerten Fertigungsstrassen, auf denen Roboter im Gleichtakt Schweisspunkte auf Autobleche stanzen.
Die markigen Worte verfehlten nicht ihre Wirkung auf die Zuschauer.
‘Meine Damen und Herren, wir von der UN – Organisation UNCTAD als potenzielle Geschäftspartner der Dritten Welt, wir wollen das Geheimnis lüften, wie es den Industrienationen gelungen ist, wirtschaftlich so erfolgreich zu werden: Sie führen Handel, wie sie ihre Kriege führen. Das bedeutet vor allem, die Schwäche des Gegners für sich auszunutzen.’ Um das zu erreichen, sollten Bündnisse gebildet werden. Bündnisse seien allein vom Zweck bestimmt, nicht von gegenseitiger Zuneigung. Der Zweck bestehe einzig und allein darin, einen Konkurrenten gemeinsam niederzuringen. ‘Wenn der Zweck erreicht, der Konkurrent ausgeschaltet ist, wird der Bündnispartner wieder Konkurrent, den es nun seinerseits zu bekämpfen gilt!’
In diesem Stil ging es weiter. Wie betäubt hatte ich zugehört, wollte nicht glauben, was ich sah und hörte. Mit einer gewissen Beklemmung spürte ich die zunehmende Unruhe in dem mittlerweile völlig überfüllten Saal. Während die einen mit lärmenden Bravorufen beipflichteten, trampelten die anderen ihre Zustimmung mit den Füssen auf den Boden.
Einige hatte es in ihrer Begeisterung von den Stühlen gerissen. ‘Hinsetzen’, rief es aus den hinteren Reihen. Steht doch auch auf, dann seht ihr wieder, entgegneten die anderen lachend. Immer mehr Zuschauer sprangen auf, am Ende stand das ganze Auditorium und bekundete seinen Beifall mit frenetischem Schreien und Johlen.
‘Die Unternehmen müssen der Tatsache ins Auge sehen’, fuhr die Stimme fort, ‘dass ihre Überlebenschancen in erster Linie davon abhängen, ob sie im Stande sind, der Konkurrenz ohne Gnade Märkte wegzunehmen, das eigene Geschäft gegen die Attacken der Mitbewerber zu schützen und einen Angriff auf die eigene Marktposition abzuwehren. Wettbewerb heisst attackieren, verdrängen, beseitigen. Wettbewerb ist Kampf ums Überleben!’
Auf der Leinwand marschierten Infanteriebataillone durch die Strassen, denen Zuschauer am Strassenrand begeistert zuwinkten, Kampfhubschrauber knatterten über ihre Köpfe hinweg. Männer in Uniform wechselten mit Männern in Nadelstreifen, die sich über mit Karten und Grafiken übersäte Tische beugten.
In der Zwischenzeit waren die ersten Zuschauer auf ihre Stühle gestiegen. Nach und nach folgten auch die übrigen ihrem Beispiel und versuchten an ihren Vorderleuten vorbei das Geschehen auf der Leinwand zu verfolgen.
Mit wachsendem Erstaunen beobachtete ich, was sich da vor mir abspielte.
So ein Unfug, dachte ich, das macht doch keinen Sinn. Doch ehe ich mich versah, kletterten wie auf Verabredung einige auf die Schultern ihrer Nebenleute und richteten sich auf.
Ganz schön frech, dachte ich, aber jetzt sehen sie wieder bestens. Immer mehr machten es ihnen nach.
Doch es sollte noch verrückter kommen. Um den Film wiederum besser verfolgen zu können, kletterten andere auf die Schultern derer, die schon oben waren, und wieder andere auf deren Schultern … So ging es fort, bis sich eine Menschenpyramide gebildet hatte, die sich immer weiter nach oben auftürmte.

Die Armen, die das unten alles aushalten müssen, dachte ich, erstaunt darüber, dass sie sich das überhaupt gefallen liessen. Was ist, wenn einer der Träger unter der Last zusammenbricht oder einfach ausschert, weil er selber nach oben will? Was ist, wenn das alle machen wollen?
Als die Spitze der Pyramide der Decke bereits nahe kam und bedrohlich zu schwanken begann, schrie ich in den Saal: Aufhören! Anhalten! Merkt ihr denn nicht, in welcher Gefahr ihr euch begebt?!
Vergeblich. Niemand hörte mich. Ich sah in schmerzverzerrte Gesichter.
Erschöpft setzte ich mich auf die Bettkannte.
Nur ein Wunder kann die Pyramide vor dem Einsturz retten, rotierte es in meinem Kopf…

Als ich wieder die Treppe hinabsteige und den Saal betrete, traue ich meinen Augen nicht.
Mit den Zuschauern geht eine wundersame Wandlung vor sich. Mehr und mehr nehmen sie tierähnliche Gestalt an, braunes langhaariges Fell überzieht ihre Körper. Ungläubig starre ich auf das, was sich da vor meinen Augen abspielt.
Affen, entfährt es mir, das sind ja Affen!
Ich höre einen lauten Pfiff. Wie auf Kommando hangeln sich die behaarten Wesen aneinander auf den Boden herab und setzen sich auf ihre Plätze, als sei nichts gewesen. In Sekunden hat sich die Pyramide aufgelöst.
So einfach ist das, denke ich. Ich bin erleichtert.
Doch plötzlich dröhnen laute Glockenschläge durch die Halle, ihr Echo prallt wie von Verstärkern aus den Gängen zurück. Die Tiere sind zu Tode erschrocken, in panischer Angst stürzen sie zum Ausgang, springen blindlings gegen das verschlossene Tor. Dann fallen sie über mich her, reissen mich zu Boden, über mir sehe ich nur noch bleckende Zähne in aufgerissenen Mäulern …
Dann, vom Eingang her, ein greller Lichtschein, der mir in die Augen sticht. Die Körper der Affen quellen rotglühend auf. Ihre versengenden Körper begraben mich unter sich.
In dem weit offenen Tor steht Maren, daneben Rau, eine Axt in der Hand. Mit grossen Augen starren sie mich an. Die bereits tiefstehende Sonne leuchtet in das Gebäudeinnere.
Die Tür war zu, sagte Maren, wir haben sie nicht aufbekommen. Ich hab dich überall gesucht, du warst wie vom Erdboden verschluckt.
Ist alles in Ordnung mit dir? fragte ich leise.
Was soll denn mit mir nicht in Ordnung sein? Ich bin zum Auto zurückgelaufen. Rau und ich sind dann ins nächste Dorf gefahren und haben uns eine Axt besorgt. Um damit die Tür aufzubrechen.
Wo sind die Affen? fragte ich.
Was für Affen. Das da draussen sind die Helfer, die vom Dorf mitgekommen sind.
Ich schloss die Augen. Die Helfer vom Dorf, es ist zum Lachen, war alles nur geträumt?
Als ich in die Tasche griff, fühlte ich den Zettel. Also doch. Ich zog ihn heraus.
Was ist das für ein Zettel? fragte Maren, eine Stirnfalte steil zwischen den Augen.
Ach nichts, sagte ich, zerknäulte das Papier und warf es in die Dunkelheit.

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Eine Antwort auf Das Afrikanische Kino

  1. maria rohner sagt:

    Sehr interessante Geschichte. Ich habe die ganze Vorlesung gehört. herzlichen dank für die interessante Gesellschaft.

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