Die Woge

… und es kam eine riesige Woge, hob das Schiff mitsamt seiner wertvollen Fracht hinauf zum höchsten Punkt des schäumenden Kamms – und liess es dort oben stehen.
Furcht erfasste die Besatzung, als sie merkte, was mit ihrem Schiff geschehen war. Was ist, wenn wir hinabstürzen oder die Woge unter uns zusammenbricht? Werden wir dann alle sterben? Aber wie von Geisterhand gehalten balancierte das Schiff auf dem Scheitel der Welle – und hielt den Atem an. Nichts geschah.
Was kann uns denn passieren, Riesenwellen gab es schon immer, man darf sich von ihnen nicht ins Bockshorn jagen lassen. Im Gegenteil, wir müssen lernen, damit umzugehen. Wir sollten daher auch nichts an unserer Lage ändern. Hier oben kann man viel weiter sehen und, wenn Gefahr droht, diese frühzeitig erkennen. Überhaupt, es geht uns doch gut, seien wir froh, dass es so ist, wie es ist. So sprachen die Seeleute und wendeten sich wieder ihrer Arbeit zu.

Nicht alle aber dachten so. Andere waren weniger mutig, sie fürchteten sich und liefen aufgeregt auf Deck hin und her. Magisch zog es sie immer wieder an die Reling, wo sie mit steigendem Entsetzen in die brodelnde Tiefe blickten, die sich unter ihnen auftat. Und weil es alle gleichzeitig taten, geriet das Schiff in bedenkliche Schieflage.

Während die einen wieder die Segel setzen und die Fahrt fortsetzen wollten, warnten die anderen eindringlich gerade davor: Wir dürfen nicht weitersegeln, wir sollten unbedingt vor Anker gehen und uns keinesfalls weiter vorwärts wagen.
So ein Unsinn, hielten erstere dagegen, wie soll das denn gehen, hier oben auf der Welle Anker auszuwerfen. Bei dem Seegang würde er gar nicht halten, im Übrigen ist die Ankerkette dafür nicht lang genug.
Dann sollten wir wenigstens die Segel streichen, riefen die anderen, wir hatten die ganze Zeit ohnehin viel zu viel Fahrt. Es wird höchste Zeit …
Der weitere Disput ging im Tosen von Wind und Wellen unter. Das Schiff ächzte und stöhnte.

Und dann geschah etwas schier Unglaubliches. Plötzlich leuchtete ein strahlendes Licht über ihnen. Eine wunderschöne blaue Kugel hatte sich auf dem Hauptmast niedergelassen. Ohne das geringste Geräusch war sie auf einmal da, drehte sich – im Rhythmus der Schiffsbewegung schwankend – langsam um die eigene Achse, glitzernd und glimmernd wie ein übergrosser Diamant.
Die Streithähne erschraken nicht wenig über die plötzliche Anwesenheit des strahlenden runden Etwas. Mit offenem Mund starrten sie hinauf, so etwas hatten sie noch nicht erlebt.

Wenn sie doch nur ein wenig an mich denken würden, seufzte die schöne blaue Kugel, als sie die Streitenden unter sich betrachtete. Es geht nicht nur um euch und um euer Schiff, es geht auch um mich, möchte ich euch zurufen. Ich bin Gaya, Mutter Erde, ich reise schon viele Zeiten mit euch zusammen durch den Weltenraum. Obwohl ich schon lange vor euch da war und immer schon über euch schwebte, habt ihr mich nicht wahrgenommen. Ihr hattet einen anderen Stern. Erfolg hiess dieser Stern, der immerwährende, sich steigernde Erfolg. Er war es, nicht ich, der euch den Weg wies.
Er hat euch blind gemacht, blind für das, was mir wichtig ist – und auch euch wichtig sein sollte. Ich darf nicht länger schweigen, ich muss mich direkt an euch wenden: Glaubt mir, ihr seid zu erfolgreich geworden! Das ist es, was euch da hinauf katapultiert hat. Auf diese Höhe, von der ihr nicht wisst, wie ihr wieder herunterkommen sollt.
Ihr habt die Woge herausgefordert, ihr müsst sie wieder glätten, sonst wird sie euch verschlingen.

Aber ach, wie traurig wäre das. Wie nur soll ich ohne euch leben? Ihr seid mir so sehr ans Herz gewachsen, ich mag nicht mehr ohne euch sein. Alles war öd und leer, als es euch noch nicht gab, geradezu seelenlos. Ohne euch … wäre alles wieder … öd und leer … und ohne Seele!

Die Seele ist’s, weswegen ich euch liebe!

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